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"Nie wieder Krieg" war das Motto nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. In dieser defätistischen Friedenseuphorie wurde die Schweizer Armee in der Folge eingemottet, mit Langgewehr 11, dem Karabiner 11, mit Artilleriegeschützen aus dem 19. Jahrhundert. Eine Anpassung an die militärische Entwicklung im Ausland, geschweige denn eine Modernisierung waren keine Themen. Die Entwicklung der neuen Panzerwaffe und deren operative Möglichkeiten, wurden zwar interessiert verfolgt, aber in der Schweiz nicht diskutiert.



Nach der Machtergreifung Hitlers begann man, die sich abzeichnende Gefahr allmählich zu erkennen und Bundesrat Minger, der am desolaten Zustand keine Schuld hatte, nützte die Zeichen der Zeit für eine Erneuerung der Armee. Die Ausbildungszeiten wurden verlängert, die Feuerkraft der Infanterie und Artillerie gesteigert, die Organisation von 1907 angepasst und grenznah wurden permanente Befestigungen erstellt. Die Überzeichnung der Wehranleihe und das Bekenntnis der sozialistischen Partei zur Landesverteidigung unterstützten diese Bestrebungen,

Bei Kriegsausbruch 1939 waren zwar erste Erfolge erkenntlich, die Armee aber keineswegs vorbereitet auf einen Waffengang gegen mechanisierte Streitkräfte, die in Blitzkriegsmanier zu agieren verstanden. Die Truppe beherrschte zwar ihre Waffen ganz leidlich, aber die Reorganisation hatte Spuren hinterlassen, den Stäben fehlte grösstenteils die Schulung im Kampf der verbundenen Waffen, sie arbeiteten zumeist recht schwerfällig. Es gab weder Benzinvorräte für die Armee, noch Reifen- oder Ersatzteilreserven; es fehlte an Munition und Sprengstoff und ganz entscheidend an modernen Waffen.

Aus dieser Vorkriegszeit sind weder von Deutscher noch Französischer Seite Planungen für einen Angriff auf oder Durchmarsch durch die Schweiz bekannt. Selbst eine Umgehung der Maginotlinie durch die Schweiz war zu Beginn des Krieges kein Thema, bestätigte ein Offizier aus der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres (OKH). Nach der Mobilmachung verblieb die Armee vorerst in einer Bereitschaftsstellung, ergänzte ihre Ausbildung und baute Geländeverstärkungen und bezog fünf Wochen später, in Erwartung eines deutschen Angriffs, die nach Nordost gewandte und ausgebaute Limmatstellung, eine Art verlängerter Maginotlinie. Auch das französische Oberkommando, mit seinen einundzwanzig Divisionen entlang dieser ausbetonierten Verteidigungsstellung, erachtete einen Deutschen Durchmarsch durch die Schweiz als ernst zu nehmende Möglichkeit. In geheimen Absprachen wurde während der "drole de guerre" deshalb die Französische Unterstützung  des Schweizerischen Abwehrkampfes vereinbart.

Am 10 Mai 1940 endete die gespenstische Ruhe an der Westfront. Deutschland führte seinen "Sichelschnitt" durch, überrannte Holland und Belgien und stiess an den Kanal vor. Gegen Ende dieses Westfeldzuges veränderte sich die Bedrohung: Von Norden drohte nur mehr geringere Gefahr, aber die Deutschen Panzerkorps näherten sich der Schweiz von Westen , schlossen ganze Französische Armeen ein, drängten sie gegen die Schweizer Grenze, um sie zu vernichten. 43`000 Mann Französischer und Polnischer Truppen wurden so 1940 im Jura interniert.

Mit dem Kriegseintritt Italiens veränderte sich die Bedrohung erneut radikal; das Land war nun gänzlich von Achsenmächten umgeben. Eine Eroberung hätte nun die Verbindungen zwischen den Achsenmächten ganz entscheidend vereinfacht, indem nicht nur wirtschaftliche, sondern auch militärische Transporte durch die Alpentunnels möglich geworden wären. Erst am 23. Juni 1940 erteilte Hitler die ersten Aufträge für eine Angriffsplanung gegen die Schweiz, wie wir heute wissen.

Die Armee bezog Ende Juni eine äusserst verletzbare, aber flächendeckende Aufstellung und machte Front nach allen Seiten. Weitüberdehnte Frontabschnitte waren die Folge; so hatte zum Beispiel der Kommandant der Kampfgruppe  Lindh, Oberst Hans Frick , mit 9 Batalionen einen 32 km langen Frontabschnitt zu decken. Nördlich der Alpen standen die vier Armeekorps und hielten  eine Linie Sargans - Walensee - Zürichsee - Limmat - Jura - Neuenburgersee - Mentue - Paudeze, gegen Süden deckten die Grenztruppen und die 9. Division. Politisch und militärische Entscheidungsträger waren offensichtlich vom raschen Zusammenbruch Frankreichs überrascht worden; selbst in der Bevölkerung machten sich Ratlosigkeit und Fatalismus breit.         

   

                
Nach der General-Mobilmachung am 2. September 1939 bezog die Armee ein Bereitschaftsdispositiev gemäss dem Operationsbefehl des Oberbefehlshabers Henri Guisans, vom gleichen Tag. Die Armee hatte gemäss diesem Operationsbefehl den Auftrag, "das Land gegen Neutralitätsverletzungen, auf der Erde oder in der Luft, zu schützen und gegen jeden Angreifer zu verteidigen." 

 

Festungsbauten waren bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ein militärstrategisches Auslaufmodell. Die meisten Festungen stammten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Bis Mitte der 1930er Jahre mass die Militärführung dem Festungsbau nur noch wenig Wert bei. Neue Bauten wurden nicht mehr erstellt und die bereits bestehenden kaum unterhalten. Das Festungspersonal wurde um 40% reduziert, die Festungstruppen 1924 aufgehoben und auf Infanterie, Artillerie und Genie verteilt. Erst 1934, nachdem Frankreich mit der Maginotlinie einen imposanten Festungsgürtel erstellt hatte, forderten auch hohe Schweizer Militärs, der Befestigungsfrage wieder mehr Beachtung zu schenken. Darauf riefen die Bundesbehörden 1935 das Büro für Befestigungsbauten (BBB) wieder ins Leben, und ab 1937 wurde wieder gebaut. Vorerst galt das Augenmerk der Grenzbefestigung (etwa dem Bau der Festung Sargans im Jahr 1939) und den bereits bestehenden grossen Anlagen St-Maurice und Gotthard. Festungsbaueuphorie und «Maginotgeist» waren innerhalb der Armee nicht unumstritten. Was in die Festungen investiert wurde, fehlte an anderen Orten, etwa für den Kauf von Kampfpanzern. Mit dem Réduit-Konzept wurde das Festungsmodell jedoch endgültig sakrosankt. Zu den Befestigungsanlagen, die in der Schweiz während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu Tausenden eingerichtet wurden, zählen verschiedene unterschiedliche Bauten: Artilleriefestungen wie Fürigen, Heldsberg, Ebersberg usw. Militärflugplätze, befestigte Kommandoposten oder Geländeverstärkungen wie Panzerbarrikaden, Unterstände oder Sprengobjekte (durch Sprengladungen verminte militärische bedeutsame Objekte, wie etwa strategisch wichtige Strassen oder Brücken). Insgesamt besass die Schweiz auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges rund 20`000 Befestigungsanlagen. Mit anderen Worten eine militärische Anlage auf jeden zweiten Quadratkilometer.


Die Wehrmacht plante einen Angriff auf die Schweiz unter dem Decknamen Operation Tannenbaum.  Als die Kriegsgefahr im Frühling 1940 am grössten war, sah man sich vor grosse Probleme gestellt:

Angesichts der schier unlösbaren Aufgabe, dass gesamte Territorium langfristig zu verteidigen, musste der General einen mutigen Entschluss fassen. Man erkannte schnell, dass die Alpen am einfachsten zu verteidigen wären, Daher wählte man diese als Rückzugsfestung für die Armee. Die Idee des Réduit war geboren.

Die Grundidee bestand darin, dass man sich in den Alpen noch
Jahre hätte halten können. Ein kleiner Teil der Schweiz würde somit überleben und mit ihm die Schweiz als souveräner Staat. Weiter wäre die Alpenfestung eine optimale Operationsbasis für die Alliierten Truppen gewesen, um Europa aus seinem "Herzen" heraus zu befreien. Ein Widerstandsnest inmitten des Grossdeutschen Reiches hätte zudem viele, an der Front dringend benötigte Truppen zur Eindämmung beansprucht.




Bei den Ausbruchsarbeiten stiess man je nach Gebiet auf unterschiedliche Felsqualitäten. Der Rohausbruch war für die Mineure eine einfachere Aufgabe. Deren Kunst und Können zeigten sich erst, wenn die Ausweitung zum endgültigen Profil geschossen wurde. Da führten die zweckmässige Anordnung und Tiefe der Borlöcher, sowie die richtige Stärke der Ladung zum gewünschten Erfolg. Giorgio Lazzarini, damals als Inhaber einer beteiligten Baufirma beim Festungsbau engagiert, berichtet:" Man verwendete Bohrhämmer, die durch eine Druckluftleitung von Kompressoren bedient wurden. Bei kleineren Objekten kam auch noch die weniger leistungsfähige Handbohrung zum Zug. Der Sprengstoff, meist Cheddite, wurde im Profil so geladen und gezündet, dass zuerst der Kern, dann die äusseren Kammern gesprengt wurden . Die Auslösung der Sprengung erfolgte mittels Zündschnur, deren Zündung von Hand erfolgte. Das Ausbruchmaterial wurde mit Kippwagen aus dem Stollen entfernt. Die Wagen wurden von Hand gezogen, Traktoren kamen nicht zum Einsatz. Wenn kein Rollbahntransport möglich war, mussten die Ausbruchstellen mit einem Gerüst erschlossen und das Material an Seilzügen herabgeürlassen werden. Das Ausbruchmaterial wurde meist in der näheren Umgebung deponiert, ohne der Tarnung viel Bedeutung beizumessen. Der Staub war ein grosses Problem, weil nur bei grossen Festungswerken eine Fremdbelüftung mit Frischluft vorgenommen wurde. Holz war ein wichtiges Bauelement, sowol zur Abstützung der ausgebrochenen Gänge wie als Rollen für die Materialtransporte. Deshalb kamen auch Zimmerleute zum Einsatz. Die Baustellen mussten ständig beleuchtet werden, dazu wurden Carbidlampen verwendet. Als Arbeiter durften nur Schweizer Bürger eingesetzt werden, deren Leumund vorgängig von den Bundesstellen überprüft worden war. Die Arbeit war gefärlich, und es gab auch Todesfälle."



General Henri Guison schrieb in seinem Bericht "Bericht an die Bundesversammlung über den Aktivdienst 1939 - 1945" im Kapitel Befestigungen und Zerstörungen folgendes:

"Wenn ich heute das von 1939 bis 1945 auf dem Gebiet der Festungs- und Zerstörungswesen Geschaffene überblicke, mit den Ausgaben, die es erfordert hat, so bleibe ich so überzeugt wie je, dass dieses Werk notwendig war. Ich bin sicher, dass es in Zukunft so lange nützlich und sogar unentbehrlich sein wird, als wir gezwungen sein werden, mit irgendeiner Unternehmung von Land- und Luftstreitkräften zu rechnen. Mehr noch: Unser Befestigungssystem, auf der natürlichen Stärke des Geländes beruhend und mit ihm ein Ganzes bildend, stellt vielleicht eines der wenigen Verteidigungssysteme und Verteidigungsprinzipien dar, die auch den neuen, am Ende des Krieges auftretenden Kampfmitteln zu widerstehen imstande sind. Ohne dieses Befestigungssystem kann ich mir eine starke schweizerische Armee, wie sie im Übrigen auch geschaffen sein möge, nicht vorstellen. Wir sind nun im Besitz dieses Systems, und wir verdanken es zu Teil, wie ich gezeigt habe, dem Aktivdienst und den grundlegenden strategischen Entschlüssen, die in dieser Zeit gefasst wurden. Es ist ein kostbares Erbe. 

Wenn wir logisch sein wollen, so werden wir es vervollständigen müssen durch eine oder mehrere Festungsgruppen, die den Operationen unserer Armee ausserhalb des Réduit als Basis dienen würde.
Es wird Sache der für unsere Landesverteidigung verantwortlichen Chefs sein, in den entscheidend wichtigen Teilen unseres Mittellandes den oder die Abschnitte zu bestimmen, welche eine sorgfältige Befestigung zu Pfeilern der Verteidigungsstellung (nach verschiedenen Richtungen hin) oder aber zu Angelpunkten für bestimmte Operationen ausgestalten könnte.

Denn wir müssen uns von jeder Illusion gänzlich befreien: Unsere Milizarmee, der zwei grosse Weltkriege die Feuertaufe erspart haben, wird nie im Stande sein, im offenen Gelände den ersten Ansturm einer fremden Berufsarmee aufzuhalten, wenn der Wert des Geländes, auf das sie sich stützt, nicht verstärkt wird."

Diese Worte des Generals wurden beherzigt und - wenn auch nicht mit letzter Konsequenz - in den folgenden Jahrzehnten wenigstens teilweise umgesetzt.




1923, fünf Jahre nach dem ersten Weltkrieg, wurde das Befestigungsbüro (BBB) des schweizerischen Generalstabes aufgelöst. Die Befestigungstechnik aber machte nach dem ersten Weltkrieg eine enorme Entwicklung durch. Durch das Aufheben des BBB verlor die Schweiz im Festungsbau den Anschluss.
In den 30er Jahren, unter dem Eindruck der Ereignisse in Deutschland und der sich abzeichnenden Gefahr auch von Süden her, fand ein Umdenken statt. Den Stein ins Rollen brachte das Memorial des Generalstabschef, Oberstkorpskommandant Heinrich Roost, vom 29. August 1934, mit den technischen Belangen des Geniechefs der Armee, Divisionär Otto Hilfiker, an den Vorsteher des EMD, Bundesrat Rudolf Minger. Diese Eingabe, die praktisch zeitgleich mit jener von Nationalrat und Kdt der Inf Br 12, Oberst Eugen Bircher (9. August 1934) erfolgte, zeigte die Notwendigkeit von Grenzbefestigungen auf und machte auch gleich Vorschläge. Als Folge dieser beiden Vorstösse wurde 1935 das BBB wieder aktiviert.

Der neu ernannte Chef des BBB, Oberst Fritz Peter, stand vor einer gewaltigen Arbeit. Er schrieb 1939 unter anderem:
"Allen denjenigen, welche sich gegen Ende 1934 mit der damals akut gewordenen Frage der Schaffung von Grenzbefestigungen zu befassen hatten, ist bekannt, dass sowohl beim Generalstab als auch bei den Truppenkommandanten vollständige Unklarheit herrschte über die taktische Anlage dieser Befestigungen."

Die nachfolgende Auflistung soll aufzeigen, welche Probleme einer Lösung harrten: Taktische und technische Festlegung der Werke im Gelände, Landerwerb, Wahl des Betons, Panzerplatten, Schartentöpfe und Schartenverkleidung, Nahverteidigungsplatten, Bunkerwaffen, Lafetten, Schiesspanoramen für Bunkerwaffen, Auswürfe für Handgranaten, Türen, Munitionsgestelle, Ventilation und Gasschutz, Kraftversorgung, Unterkunft, Beleuchtung, Heizung, Küchen, sanitäre Anlagen, Korpsausrüstung, Sanitätsmaterial, Kommando-Übertragungsgerät, Telefon und Sprechrohreinrichtung, Funkverbindungen, Alarmeinrichtungen, CO-Schutz etc.

All dies musste mit einem Mitarbeiterstab von vorerst 15 Personen, ein Jahr später mit 42, Ende 1937 mit 67 und Ende 1938 mit 124 gelöst werden.



Im Prinzip wurden nach Kriegsende Teilsysteme wie Panzer- Infanteriehindernisse, Feldbefestigungen, Truppenbauten und dergleichen mehr liquidiert und durch den zuständigen Feldkommissär an die rechtmässigen Eigentümer zurückgegeben.
Parallel dazu erfolgte jedoch unter dem Aspekt des Kalten Krieges der Weiterausbau und die entsprechende Kampfwertsteigerung in den permanenten Anlagen, so dass bis zur Armee 95 25`000 Objekte verschiedenster Provenienz den Festungs- Réduit- und Grenzbrigaden als feste Anlagen für den Abwehr- und Verteidigungskampf zur Verfügung standen.


Mit der Armee XXI und damit der Auflösung der Réduit- und Grenzbrigaden sowie der Redimensionierung der Festungsbrigaden verblieben unter anderem an Permanenz nur noch die Übermittlungs- und KP- Anlagen, Truppenschutzunterkünfte, sanitätsdienstliche und logistische Einrichtungen wie auch teilweise Geländepanzerhindernisse und dauerhafte Sprengobjekte, und die Festungsminenwerfer und BISON - Batterien.



Die Renaissance der Festungsbauten während des Zweiten Weltkriegs klang nach Kriegsende
wieder ab. Die während des Krieges projektierten und bereits teilweise gebauten Anlagen wurden nach 1945 noch fertig gestellt. Neue Artilleriefestungen des Typs «Zweiter Weltkrieg» hingegen kamen keine mehr dazu.
In der Nachkriegszeit gerieten die Festungswerke wiederholt in die Zwickmühlen militärstrategischer Grundsatzdebatten. Zu den ersten offenen Konflikten kam es bereits in den 1950er Jahren. Unter dem Schlagwort der «mobile défense» brachen Kreise der Schweizerischen Offiziersgesellschaft einen Streit vom Zaun, der die militärpolitischen Debatten der 50er und 60er Jahre weitgehend dominierte. Die Gruppe von Offizieren argumentierte, dass die militärtechnologische Entwicklung gegen die Idee der grossen Artilleriefestungen sprechen würde. Je beweglicher die Kriegführung, vor allem mit der steigenden Bedeutung der Flugwaffe, desto zweckloser wären die unverrückbaren und kostspieligen Stollenanlagen, so die Kritik. Gegen die Festungsstrategie brachten sie das neue Konzept der «mobile défence» auf den Tisch, das einen stärkeren Einsatz von Flugzeugen und Panzern und eine Reduktion der Befestigungswerke forderte.
Weil der finanzielle Aufwand für den im mobile-défence - Konzept vorgeschlagene Kauf von 800 neuen Flugzeugen das Militärbudget schlicht gesprengt hätte, endete der Richtungsstreit 1966 in einem Kompromiss. Die Übereinkunft hatte auch Folgen für die Befestigungsbauten. Ab 1966 wurden viele grenznahe Infanteriewerke aufgehoben und zu Schutzbauten für Kommandoposten umgewandelt. Der Kompromiss von 1966 berührte jedoch die Innerschweizer Festungswerke, vor allem Artilleriefestungen, nicht. Sie blieben bis in die 1990er Jahre im Einsatz.



Mitten im Winter 1956 musste die Kriegsbereitschaft der Festungswerke erstellt werden. Dies erfolgte, ohne Mobilisierung der Verstärkungs-Detachemente der Miliz-Truppe. Nur die Festungswächter wurden eingesetzt, weil die ganze Arbeit unter Geheimhaltung erfolgen musste. Man wollte die Zivilbevölkerung nicht beunruhigen. Das technische Festungs- und Werkmaterial, welches bereits zur damaligen Zeit zentral in Magazinen der Sperren eingelagert war, musste wieder in die einzelnen Werke zurückgebracht werden.



Realisierung eines Sicherheitspaketes in den Artilleriewerken

In den Jahren 1946 und 1947 kam es zu zwei folgenschweren Katastrophen. Am 28. Mai 1946 explodierten zwei Munitionsmagazine im Festungswerk Dailly mit zehn Toten, und in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 erfolgte eine Explosion im Munitionslager der Kriegsmaterialverwaltung in Blausee - Mitholz, bei welcher neun Todesopfer zu beklagen waren. Die Ursache beider Explosionen konnte nie ganz abgeklärt werden. Man vermutete eine Kettenenreaktion: Der Funkenwurf des Elektromotors entzündete die im Munitionsmagazin eingelagerten Pulverladungen und diese brachten die im selben Magazin liegenden Geschosse zur Explosion. Zur Verhinderung solcher Vorkommnisse sind in den Munitionsmagazinen aller Artilleriewerke zu Beginn der 50er Jahre verschiedenen umbauten vorgenommen worden:

- Die Luftentfeuchter, welche bisher offen betrieben wurden, baute man in kleine Ventilationsräume ein.
- Die Beleuchtung durfte nur noch in luftdichten Beleuchtungsarmaturen montiert werden.
- Die elektrischen Leitungen mussten " unter Putz "verlegt sein.
- Zur Lagerung der Munition erstellte man Betonkammern anstelle der früher verwendeten   Holzgestelle.
- Die Ladungen wurden ausgelagert. Für vier Geschütze, welche bisher beispielsweise je über ein  Munitionsmagazin  verfügt hatten, wurden neu ein Ladungsmagazin und drei Geschossmagazine eingerichtet.

Dadurch gestaltete sich der Munitionsnachschub in die Geschützstände wesentlich umständlicher, besonders wenn sich die Magazine nicht auf der gleichen Ebene befanden. Die Ladungen lagerten fortan in mit Blechdeckeln verschliessbaren Betonkästen.

Weitere Sicherheitsmassnahmen ergänzten diese Verbesserungen, wie zum Beispiel der Einbau von Druckschleusen zwischen den Munitionsmagazinen und der Unterkunft, sowie übrigen Anlageteilen. Zwei massive Betonpanzertüren waren durch ein Gestänge so gegeneinander verriegelt, dass immer nur eine Türe geöffnet werden konnte. Die Einrichtung schützte die Besatzung auch vor einer Druckwelle, wie sie beim Einsatz von Atomwaffen aufgetreten währe. Ferner wurden Auspuffstollentüren angebracht, die ins freie führten und bei der Explosion eines Munitionsmagazins bei geringem Druck aufgesprungen wären und damit den Druck auf Druckschleuse in Richtung Unterkunft massiv reduziert hätten. Für diese Sicherheitsmassnahme mussten bei einigen Anlagen separate Auspuffstollen gebaut werden.

Von 1955 - 1962 wurden gegen allfällige Atomwaffeneinsätze mit Sprengpunkt tief in den Artilleriewerken Grobstaubfilter in betonierten " Atomfilterkammern " eingebaut. Diese sollten den radioaktiven Staub in speziellen Raschingfiltern, bestückt mit Öl getränkten Hülsenabschnitten, zurückhalten.

Durch die Erhöhung der Luftmenge für den Kollektiv Raumschutz, den zusätzlichen Einbau von Einmannschleusen - parallel zu den verkleinerten Materialschleusen - konnten die Spülzeiten beim Übergang von der Persönlichen Werkschutzzone in die Kollektiv Raumschutzzone wesentlich reduziert werden. Zudem baute man vor den Gasschleusen Entgiftungsanlagen mit Duschen für das abspülen von Kampfstoffen ein.

Alle diese Massnahmen erhöhten die Sicherheit und verbesserten die Lebensbedingungen in den Betroffenen Werken.


Mit dem Ende des Kalten Kriegs 1989 war die Zeit gekommen, die Armee grundlegend zu reformieren. Das entsprechende Projekt mit dem Titel «Armee 95» bedeutete schliesslich auch das Ende der Réduitfestungen.

Unmittelbarer Anlass für das Projekt «Armee 95» war der Fall des Eisernen Vorhangs und die Entspannung des Ost-West-Konflikts nach 1989. In den folgenden Jahren kam es europaweit zu einer weitgehenden Reduktion der nationalen Militärausgaben. In der Schweiz wurde das Militärbudget in wenigen Jahren um vergleichsweise mehr als einem Fünftel reduziert. Vor allem im Personalbereich markiert die «Armee 95» einen radikalen Neubeginn: Der Bestand wurde um ein Drittel von 600 000 auf 400 000 Personen abgebaut.

Daneben setzte die 95er Reform unter dem Schlagwort «Dynamische Raumverteidigung» eine neue Verteidigungsdoktrin fest, die im Wesentlichen die Anliegen der «mobile défence» aus den 60er Jahren wieder aufnahm. Das Militärbudget konzentrierte sich vor allem auf die beweglichen Truppen wie die Flugwaffe. Die Festungseinheiten dagegen wurden vollständig reorganisiert und verkleinert. Im Rahmen der «Armee 95» reduzierte sich der Bestand der Festungstruppen auf etwas mehr als die Hälfte.. Zudem wurde ein Grossteil der Befestigungswerke, von der Panzersperre bis zu den Artilleriefestungen, aufgegeben: 13 000 der 20 000 Bauten sind in den nächsten Jahren zu liquidieren, darunter auch vierzig Artilleriewerke. Die alten Réduitfestungen wurden ausnahmslos stillgelegt. Kein Wunder, dass seit den 80er Jahren ein eigentlicher Festungsmuseums-Boom eingesetzt hat, und damit in der Schweiz weit über ein Dutzend Festungs-Museen entstanden sind.




Die Festungsartillerie wird nach den gleichen Grundsätzen wie die mobile Artillerie eingesetzt. Die taktische Feuereinheit bei der mobilen Artillerie ist die Abteilung, bei den Festungen die Batterie, wobei je nach Überlappung von Wirkungsräumen Batterien aus verschiedenen Werken zu Abteilungen zusammengefasst werden können.
Entscheidend für den Artillerieeinsatz sind die Verbindungen. Mit der Zeit entstand ein beachtliches permanentes, grösstenteils unterirdisch verlegtes, Kabelnetz. Von den untereinander verbundenen Werkzentralen führten Leitungen zu den Feuerleitstellen und zu den Feldanschlusskästen (FAK), von denen Feldleitungen zu den Schiesskommandanten oder den Aussenbeobachtern gezogen werden konnten.

Bei den Infanteriewerken unterschied man zwischen Felsenwerken und Bunkern. Erstere waren in den Felsen gesprengte Untertagbauten, ebenfalls im Bergbau erstellt, aber wesentlich kleiner und einfacher ausgerüstet als die der Artillerie. Letztere wurden im Tagbau aus armiertem Beton aufgebaut. Infanteriewerke wirkten mit Maschinengewehren und Panzerabwehrkanonen auf Geländepanzerhindernisse, Panzerbarrikaden oder Sprengobjekte und deckten gleichzeitig vorhandene Gegenwerke.
Das Schiessen mit Maschinengewehren und Panzerabwehrkanonen aus Werken leitete ein Innen- oder Aussenbeobachter, bei Infanteriebunkern war es die Aufgabe des Bunkerkommandanten. Mit diesen Waffen konnte direkt oder indirekt - ohne Sicht - gerichtet werden. Das Schiessen ohne Sicht, eine Spezialität des Schiessens mit Waffen aus Festungsanlagen, erfolgte über eine oberhalb der Waffen angebrachte Panoramatafel. Darauf waren verschiedene nummerierte Feuer Sektoren auf wichtige Abschnitte im Gelände eingezeichnet, dazu gehörten permanente Hindernisse, Engstellen, mögliche Deckungen für den Angreifer, das Gegenwerk mit Scharten, Eingang, Abdeckung usw. Der mit der Werkwaffe verbundene Zeigerhebel zeigt den Punkt oder die Zielfläche an, auf die die Waffe gerichtet wurde. So konnte auch bei dichtem Nebel oder Dunkelheit wirkungsvoll geschossen werden.
Die eingesetzten Einheiten kannten verschiedene Bereitschaftsgrade. Je nachdem waren die Hindernisse, die Stellungen, die Werke und die Bewachung in einen anderen Zustand zu versetzen. In der "reduzierten Kampfbereitschaft" gab es drei Ablösungen. Die Equipe "Arbeit" übernahm die Bewachung der Anlage, das "Pikett" stand in Bereitschaft, betrieb aber Ausbildung, Waffenreinigung usw. und die Ablösung "Ruhe" schlief. Bei Erhöhung des Bereitschaftsgrades verschoben sich die Bestände immer mehr in Richtung "Arbeit".


 Durch Tarnung, massive Felsüberdeckung, Beton, sowie den Einsatz der Waffen aus Minimalscharten boten unsere Festungswerke einen beachtlichen Schutz gegen die Wirkung konventioneller, chemischer und atomarer Waffen und stellten dadurch einen länger dauernden Waffeneinsatz sicher. Dieser Schutz wurde in den taktisch- technischen Plänen jedes einzelnen Artillerieforts dargestellt. Die Eingänge, Scharten, Frisch- und Abluftstollen der Festungswerke waren der Sicht der Bevölkerung bzw. eines allfälligen Gegners durch Felsattrappen, falsche Chalets usw. entzogen. Alte, desarmierte Festungsanlagen dienten zusätzlich zur Verunsicherung.

Gegen C-Waffen ausserhalb der Anlagen schützten sich die Angehörigen der Besatzung, wie alle Wehrmänner der Armee, mit dem "Persönlichen Feldschutz" (PFS), der Schutzmaske mit Feldfilter und dem ABC-Schutzmaterial. Beides war bei Alarm bis zum Eingang der Anlagen zu tragen. Ab Eingang der Anlage stand der Werkbesatzung der "Persönliche Werkschutz" (PWS) zur Verfügung. Dem Feldfilter wurde dabei der CO-Filter nachgeschaltet. Beides trug der Wehrmann in seinem "Gasmaskensack". Die Schutzmaske wurde im Werk an einem Tragband um den Hals getragen. Durch die Verbrennung von Schiesspulver entwickelte sich beim Schiessen in den Kampfständen CO-Gas; der Vorgang kann verglichen werden mit einem Automotor in einer geschlossenen Garage. Die gefährdete Bedienungsmannschaft hatte deshalb während des Schiessens die Schutzmasken zu tragen. In den Kampfständen der Werkwaffen waren Luftleitungen an der Decke installiert, der so genannte "Kollektiv Maskenschutz" (KMS). Damit die Bedienungsmannschaften nicht ständig durch Feld- und CO-Filter atmen mussten, wurde ihnen Luft durch diese Leitungen zugeführt. Um den CO-Gehalt in den Kampfständen zu überwachen, war für jeden Kampfstand ein CO-Prüfgerät zugeteilt.

Die Kommandoräume und die Unterkünfte befanden sich in einer geschützten Zone unter "Kollektiv Raumschutz" (KRS). Der Wehrmann betrat diese Zone durch eine Gasschleuse, die bei Gasalarm durch einen Schleusenwart bedient wurde. In der geschützten Zone herrschte ein ständiger Überdruck, damit keine Gase oder C-Kampfmittel von aussen eindringen konnten. Gegen einen Atomwaffeneinsatz gewährten die Festungsanlagen des Zweiten Weltkrieges Schutz vor der Druckwelle und der radioaktiven Strahlung. Einem Abwurf in der Nähe hätten sie nicht standgehalten.



Bereits in den 50er Jahren suchte man nach einem neuen Festungsgeschütz. Einen Anfang machte die Abteilung für Genie und Festungen mit den beiden 15 cm Panzertürmen im Artilleriefort Dailly im Raum St-Maurice. Diese Geschütze konnten vollautomatisch geladen und aus einer Schiesszentrale ca. 30 m unter den Geschützständen bedient werden. Auch das Verhältnis Anzahl Geschütze zu Besatzung stand zur Diskussion. Die Festung Fürigen wies beispielsweise mit zwei 7,5 cm Bunkerkanonen und annähernd 100 Mann Besatzung ein Verhältnis von 1:50 auf. Der Mueterschwanderberg als grösste Festung unseres Landes hatte mit seinen 24 Geschützen und 833 Mann Besatzung noch ein solches von 1:35, dass heisst 35 Mann pro Geschütz. Die neuen Monoblock Festungen, der 12 cm Fest. Mw 59 und das "Neue Festungsgeschütz" Bison, korrigierten dieses Missverhältnis. Das konnte aber nicht ohne grosse Abstriche an der Infrastruktur verwirklicht werden. Die Festungen des Zweiten Weltkrieges verfügten über eine Autonomie zwischen zehn und sechzig Tagen. Die Besatzungen konnten in ihren Anlagen während dieser Zeit ohne Nachschub an Lebensmitteln, Wasser, Betriebsstoffen usw. überleben. Die heutigen Monoblock Festungen bestehen nur noch aus den Kampfständen mit Geschützen, dem Munitionsmagazin, einer Notstromgruppe, einer Feuerleitstelle und einer Zentrale für die Übermittlung. Die Besatzungen haben auf Grossküchen mit den dazugehörigen Essräumen, auf Schlaf-, Aufenthalts- und Waschräume, auf sanitätsdienstliche Einrichtungen wie Untersuchungs- und Operationsraum und das dazugehörende Krankenzimmer zu verzichten. Sie leben bezüglich Unterkunft, Verpflegung und sanitätsdienstlicher Versorgung wie die übrige Truppe. Als der Einbau solcher Monoblocks in den Grenzbrigaden abgeschlossen war, wurde in den 80er Jahren auch in der Zentralschweiz eine kleine Anzahl dieser Artilleriebunker mit 12 cm Festungsminenwerfern gebaut. Einige davon sind heute noch im Einsatz und unterstehen immer noch der Geheimhaltung. Ein Monoblock mit einem 12 cm Fest Mw mit zwei Rohren bildet in der Regel die Feuereinheit. Die maximale Reichweite eines Werfers beträgt rund 9 km im vollen Umkreis von 360°. Er ist mit modernster Munition ausgerüstet.

Beim Fall der Mauer und des Eisernen Vorhanges war eine kleine Zahl von Artilleriebunkern mit Festungsgeschütz "Bison" in Projektierung und Bauvorbereitungen so weit fortgeschritten, dass eine Sistierung nicht mehr in Frage kam. Andere waren projektiert bzw. rekognosziert und kamen nicht mehr zur Ausführung.


Textquellen: Die Wehranstrengungen im Raum Nidwalden 1935 bis 1995,  GSK Bern,  GMS Dokumentation Burgfluh-Faulensee,  Schlüsselraum West, 
www.wikipedia.org , Befestigtes Graubünden / Wölfe im Schafspelz,